Schleichen ohne Frust
Ein besonderes Merkmal, besonders des ersten Teils von Splinter Cell, war der knackige Schwierigkeitsgrad. Wenige fest vorgegebene Speicherpunkte sorgten zeitweise für rotglühende Köpfe, wenn man eine Mission einfach nicht schaffen konnte und immer wieder von vorn anfangen musste. Um das zu entschärfen, haben die Entwickler eine Schnellspeicherfunktion ins Spiel integriert. Nun ist es jederzeit möglich, im Sekundentakt zu speichern. Ungeduldige Naturen werden dies begrüßen, erfahrene Spieler sollten jedoch gleich im höchsten Schwierigkeitsgrad ins Spiel einsteigen, denn sonst marschiert man recht unbehelligt durch die Level. Selbst, wenn man die Schnellspeicherfunktion nicht nutzen möchte, man wird immer öfter von ihr Gebrauch machen. "Schuld" am entschärften Schwierigkeitsgrad trägt auch das neue Spielzeug von Sam Fischer. Das Messer. Damit kann man blitzschnell und recht brutal seine Gegner ins digitale Jenseits befördern. Dies ist allerdings Fluch und Segen zugleich, denn das Spiel ist wesentlich einfacher, einsteigerfreundlicher geworden.
Das Missionsdesign wurde im Gegenzug allerdings deutlich aufgebohrt. Jedenfalls wenn es um die Dauer der Missionen geht. Meist kann man mehrere Wege einschlagen, um zum eigentlichen Missionsziel zu kommen. Den leisen Weg oder die etwas unsanftere Vorgehensweise. Eigentlich sollte sich dies auch in der Auswahl von verschiedenen Waffen-Settings widerspiegeln. Vor jeder Mission hat man die Wahl, ob man auf eine eher ruhige Gangart Wert legt und deshalb mehr elektronisches Spielzeug wie Haftkameras mitnimmt oder doch lieber ein paar handfeste Granaten und mehr Munition mit sich herumschleppt. Doch man merkt schnell, dass es kaum eine Rolle spielt, was man da an Ausrüstung dabei hat. Da das Spiel Actionorientierter geworden ist, benötigt man die meisten der früher so dringend benötigten Stealth-Tools überhaupt nicht.
Die Missionen enthalten zusätzlich noch eine Reihe weiterer Nebenziele, die man optional erfüllen kann. Dazu gehört das Verhören von Gegnern oder das Stehlen von Informationen. Gerade das Verhören dürfte schwierig werden, wenn man zuvor alle Gegner hinterrücks erdolcht hat.
Mit der Tür ins Haus
Die Entwickler haben Sam Fischer einige neue Moves mit auf den Weg gegeben. So kann man Türen nun nicht mehr nur einfach öffnen, sondern sie mit einem brachialen Fußtritt auftreten. Sollte sich dabei gerade ein Gegner hinter einer solchen Tür befinden, dann bekommt ihm das nicht sehr gut. Dieses "Mit der Tür ins Haus" können die anderen übrigens auch. So sollte man, wenn man gerade unter einer Tür durchspäht, nicht zu viel Lärm machen, denn sonst wird man ebenso durch eine auffliegende Tür durch den gesamten Raum geschleudert. Vorhänge kann Sam Fischer lautlos mit seinem Messer aufschneiden und sich so Zugang zu Räumen verschaffen. Türen können wieder auf bekannte Weise geknackt und zusätzlich Computer gehackt werden. Das Hacken geht mit etwas Übung flott und ohne Probleme von der Hand.
Als Splinter Cell 3 vorgestellt wurde, konnte man sehen wie Sam Fischer an einem Leuchtturm hängt und einen Gegner über die Brüstung ins Meer stürzen lässt. Dies sollte eine der Neuerungen des Spiels verdeutlichen. Doch im Laufe der Zeit stellt man fest, dass all diese Neuerungen zwar nett sind, man sie aber so gut wie nie braucht. Eine Tür mit lautem Geschepper aufzutreten ist meist dumm, wenn nicht gerade ein Gegner direkt auf der anderen Seite steht, was aber nur selten passiert. Auch das Aufschneiden von Vorhängen ist keine bahnbrechende Neuerung, denn sie ist nichts anderes als eine andere Art von Türenaufmachen, weil sich diese Vorhänge nur an vorgegebenen Stellen aufschneiden lassen.
Dumm schießt gut
Nicht nur die meisten der Einsatzorte liegen im Dunkeln, sondern oft leider auch die Intelligenz der Gegner. Ob es daran liegt, dass die Xbox zu sehr damit ausgelastet ist, die schönen Grafiken zu berechnen, weiß man nicht genau. Aber wie es scheint, bleiben für die künstliche Intelligenz der Gegner nicht genügend Ressourcen. Sie sind vorsichtiger. Sie sind misstrauischer und achten auf den Geräuschpegel, den der Spieler verursacht. Aber sie sind nicht klüger. Denn wenn man einen Terroristen erschießt und sein Kumpan steht 10 Meter daneben, im gleichen Raum, und rührt sich nicht vom Fleck, dann kann man nicht gerade von Intelligenz sprechen. Man merkt sehr oft, dass viele Gegner nur darauf warten, bis man ein Schlüsselereignis auslöst, damit sie endlich loslegen können. Es kommt sogar vor, dass man direkt vor einem Gegner hockt und er einen erspäht hat. Dann sieht er Sam Fischer an, gibt einen Schuss ab und ist ratlos, was denn nun zu tun sei. Da er aber strohdumm ist, tapst er einfach davon, als sei nichts geschehen. Es kann auch vorkommen, dass zwei Terroristen sich gegenseitig unter Feuer nehmen. Dass Sam Fischer längst über alle Berge ist, scheint sie nicht zu stören. Sie schießen aufeinander bis zum jüngsten Tag. Fälle wie dieser häufen sich leider allzu oft. Die Gegner sind in ihrer Tapsigkeit aber nur schwer zu berechnen. Man weiß nie, ob sie einen gleich aus einer unmöglichen Position erspähen oder einfach ihren Dienst verrichten. Bei aller Dummheit sind sie aber sehr schnell mit dem Abzugsfinger und auf dem höchsten Schwierigkeitsgrad ist man schneller tot als einem lieb ist.
Wir schalten um zur Werbung
Wenn man das erste mal sieht, wie Sam Fischer sich an einer Packung "Airwaves" Lutschbonbons festhält, dann ist das unerwartet und besitzt eine komische Note. Wenn diese plumpen Werbeeinblendungen dann aber immer öfter vorkommen und später auch noch "Nokia" seine Handys auf den Monitoren präsentieren darf, dann wird es etwas peinlich für Ubisoft. Wenn man sich schon darauf einlässt, Schleichwerbung zu platzieren, dann könnte man das auch auf weniger offensichtliche oder zumindest komische Art machen. Man merkt deutlich, dass diese Produkte nicht ins Spiel eingebunden, sondern wie eine kleine Werbepause eingeblendet werden.
Die Grafik
Bereits vor knapp einem Jahr, als Splinter Cell 3 vorgestellt wurde, waren alle Interessierten mehr als nur erstaunt, wie sehr sich die Grafik verändern sollte. Kaum zu glauben, wie gut das Spiel in der neuen Version aussehen sollte. Kaum zu glauben, dass die Xbox eine solche Grafikpracht darstellen könnte. Zumindest die PC-Version sieht atemberaubend aus. Dass die Xbox da nicht mithalten kann, sollte jedem klar sein. Doch sie schlägt sich sehr wacker. Die Texturen sind naturgemäß etwas schlichter, die Gesichter der Gegner etwas eckiger und auch die Kantenglättung muss an einigen Stellen alle Viere von sich strecken. Und dennoch ist die Grafik auch auf der Xbox teilweise eine Augenweide. Schleicht man nicht gerade in völliger Dunkelheit herum, dann kann man sich an teils wunderbar plastischen Texturen erfreuen. Von Nässe glänzende Mauern, von Rost zerfressene Gerüste und die typischen Splinter Cell-Schattenspiele sorgen für eine grandiose Atmosphäre. Leider wirken die Gesichter der Gegner, die man umklammert hält, manchmal sehr blutleer, starr und tot. Die Spielgrafik von Splinter Cell 3 gehört dennoch eindeutig zu den Highlights dieses Jahres.
Die gerenderten Zwischensequenzen fallen demgegenüber deutlich ab. Sie sind billige Dutzendware ohne echte Highlights. Viele der Ereignisse werden im Stil von Fernsehnachrichten vermittelt. Das alles hat man schon zig mal gesehen.
Schade ist, dass die Multiplayer-Karten noch auf die Grafikengine der letzten Version setzen. Daran kann man aber auch sehr gut erkennen, welch großen Sprung die Grafik in diesem einen Jahr vollbracht hat.
Der Sound
Halt´s Maul!
Eine bereits nach kurzer Spielzeit nervende Angelegenheit sind die Kommentare der gegnerischen Soldaten. Zu beinahe keinem Zeitpunkt sind ihre abgespulten Sprachsamples passend. Manchmal ist es recht putzig, wenn einer von ihnen lauthals "Verdammt, verdammt, verdammt" schreit oder seinem "Kollegen" mitteilt, dass er sich fürchtet. Aber diese Kommentare werden scheinbar willkürlich abgespielt und passen in den seltensten Fällen zum Geschehen auf dem Bildschirm. In dieser Hinsicht hätte das Spiel weiteren Feinschliff nötig gehabt. Man ertappt sich nach kurzer Zeit dabei wie man diesen Plappertaschen ein leises "Halt´s Maul" zuflüstert.
Wieder setzt Ubisoft auf den inflationären Einsatz eines RTL-Sprechers. Der wird aber in so vielen Rollen eingesetzt, dass man den Eindruck nicht los wird, dass Ubisoft hier Geld sparen muss.
Nichts zu mäkeln gibt es am Sprecher von Sam Fischer. Zwar klingt seine Stimme nicht so Furcht einflößend wie die des Originalsprechers Michael Ironside, aber er macht dennoch seine Sache perfekt. Beim Einsatz seiner zynischen Einzeiler kann man sich oft ein Grinsen nicht verkneifen.
Multiplayer
Zum bekannten Versus-Mode, der wieder vier Spieler ins Online-Gefecht stürzt, ist noch ein Coop-Modus hinzugekommen. Der Versus-Mode spielt sich wie bereits im zweiten Teil von Splinter Cell. Je zwei Spieler übernehmen die Rolle der Söldner und der Spione. Wieder ist es unabdingbar, dass man die Karten wie im Schlaf beherrscht. Diese Karten kann man sich auch in aller Ruhe offline ansehen und Wege erkunden. Leider muss man vorher das recht langweilige und für erfahrene Spieler sinnlose Tutorial absolvieren. Insgesamt scheint die Balance diesmal etwas ausgeglichener zu sein. Als Spion hat man sogar die Möglichkeit, sich kurzzeitig unsichtbar zu machen. Es werden 11 Karten geboten von denen fünf bereits aus dem Vorgänger bekannt sind.
Der Coop-Modus setzt voll und ganz auf die Teamarbeit von zwei menschlichen Spielern, weshalb man mit Alleingängen die Missionen nicht lösen kann. Leider gibt es nur magere vier Missionen. Es bleibt zu hoffen, dass Ubisoft bald neue Karten anbietet und sie aufgrund der wohl hohen Entwicklungskosten nicht allzu teuer sein werden.
Bei Splinter Cell 2 war der Online-Modus voller Fehler und Ubisoft hat lange gebraucht, um dies auszubessern. Auch Ghost Recon 2 aus gleichem Hause war voller Bugs bei der Online-Anbindung. Es bleibt zu hoffen, dass die Qualitätskontrolle diesmal gearbeitet und nicht nur aus dem Fenster gesehen hat. In den nächsten Tagen wird sich zeigen, ob man ungestört spielen kann. Ein Nachbericht folgt in Kürze.
Fazit
Splinter Cell 3 ist noch immer die Mutter aller Schleich-Spiele und bietet dem Spieler eine Menge Spaß. Die neue Grafikengine wurde effektvoll in Szene gesetzt. Abstriche gibt es beim zu leichten Schwierigkeitsgrad und den dummen Gegnern. Ein Spiel, das jeder haben sollte.