Böhmische Dörfer
Wer den Vorgänger nicht gespielt und der Story aufmerksam gefolgt ist, versteht anfangs beim neuen Abenteuer nur Bahnhof. Der Prinz wird von einem ziemlich grantigen Schattenwesen Namens Dahaka verfolgt. Er scheint vor einigen Jahren ziemlich viel angestellt zu haben. Angestellt nicht im Sinne von "Ich spiele jemandem einen lustigen Streich", sondern im Sinne von "Ich manipuliere die Zeit und verhindere meinen eigenen Tod". Also, das ist wirklich starker Tobak. Klar, dass man nach einer solchen Aktion nicht nur Freunde hat. Da aber nun mal die Mächte der Finsternis hinter ihm her sind, bleibt ihm keine andere Wahl als den Kampf aufzunehmen und zur Insel der Zeit zu reisen, um zu verhindern, dass die Bösen ihn töten. Würde der unwissende Spieler eine Einleitung über die vergangenen Ereignisse bekommen, müsste er nicht rätseln, warum er auf einem Schiff gegen eine leicht bekleidete Kriegerin samt untotem Gefolge antreten muss. Oder warum er nach diesem Kampf auf einer Insel landet. Ohne Schiff, ohne Besatzung, nur mit einem Holzknüppel bewaffnet.
Krieger und ...
Ein grimmiger Prinz mit einem Stöckchen als Waffe sieht aber nicht sehr bedrohlich aus. Damit kann man zwar einige Krähen verscheuchen, aber keine wirklichen Feinde besiegen. Also begibt man sich auf die Suche nach etwas Handfesterem. Nach kurzer Zeit bezwingt man die ersten Gegner und sammelt ihre Waffen auf. Gut, dass man nun zwei Waffen gleichzeitig mit sich führen kann. Wird es besonders eng, kann man mit der zweiten Waffe nicht nur zuschlagen, sondern sie auch seinem Feind entgegenschleudern. Das führt meistens zum gewünschten Erfolg. Entweder wird ein Feind dadurch für kurze Zeit gestoppt oder, was wesentlich effektiver ist, geköpft.
Die Kampfkunst des Prinzen würde selbst Jackie Chan erbleichen lassen. Er erwehrt sich seiner Feinde mit Händen und Füßen. Im wahrsten Sinne des Wortes. Je nach Situation vollführt der Racker Combos und Sprünge, die bei den Spielern für offene Münder und bei den Gegnern für abgehackte Schädel sorgen. Nach einem besonders wirksamen Angriff wirken manche Feinde etwas gespalten. Und zwar wörtlich. Sie werden von oben bis unten in zwei Teile gesäbelt. Da das Spiel ja nun erwachsener und düsterer ist, wird ein solcher Angriff in Zeitlupe eingeblendet und das Blut fließt in Strömen.
Die Steuerung überfordert anfangs einen Durchschnittsspieler. Deshalb werden immer wieder hilfreiche Texte eingeblendet und im Hauptmenü findet man eine Auflistung aller möglichen Combos. Drischt man zuerst noch unkoordiniert auf die Gegner ein, verfeinert sich dieses grobmotorige Gekloppe im Laufe des Spiel immer weiter. Man merkt sich immer mehr der Tastenkombinationen und weiß sie geschickt einzusetzen. So kann man beispielsweise stilvoll einen Salto über den Kopf eines Gegners vollführen und ihm von hinten mit der Axt eins überbraten, bevor der weiß, wie ihm geschieht. Die Möglichkeiten des Angriffs und der Verteidigung hängen auch davon ab, ob man eine oder zwei Waffen mit sich führt. Mit einer Waffe in der Hand ist es möglich, einen Gegner mit einer Rolle von sich zu schleudern, was mit zwei Waffen nicht möglich ist. Steht man an einer Wand, kann man sich daran abstoßen und mit voller Wucht den Feind rammen oder einen Salto über die Köpfe der Feinde zu vollführen. Selbst harmlose Säulen kann man für seine Angriffe missbrauchen und sich an ihnen den nötigen Schwung für eine Attacke holen. Die Möglichkeiten sind sehr vielfältig und immer bestens in Szene gesetzt. Alls Bewegungen gehen fließen ineinander über und wirken wie aus einem Guss. Über so viel Geschmeidigkeit kann und muss man nur staunen. Bei Kämpfen muss man jedoch stets darauf achten, ob rings um einen herum noch genügend Platz für eine weiche Landung ist. Vollführt man vor einem Abgrund einen Salto über den Kopf eines Gegners hinweg, dann sehen der Absprung und der Salto noch sehr stilvoll und cool aus. Die Landung im Abgrund hingegen ist peinlich für den Prinzen und wird mit einem "Game Over" quittiert.
... Hupfdohle
Prinz Griesgram ist jedoch nicht nur für seine Kampfkunst berühmt geworden, sondern besonders für seine atemberaubenden Sprungeinlagen. Selbst Grashüpfer können es nicht besser. Wieselflink erklimmt man Vorsprünge, überwindet Abgründe, vollführt waghalsige Sprünge aus schwindlerregenden Höhen auf einen Vorhang zu oder läuft an Wänden entlang. Neo aus Martix würde diese Eleganz die Tränen in die Augen treiben. Da man oft in großer Höhe herumturnt, hat der Prinz einen eingebauten Sicherheitsmechanismus. Kommt er einem Abgrund zu nahe, fällt er zwar herunter, hält sich aber immer im letzten Augenblick fest. Diesen Mechanismus kann man nur mutwillig oder durch eigene Ungeschicklichkeit außer Kraft setzen. Wenn man beispielsweise wie ein Pirat an einem Vorhand heruntergleitet und dabei die Sprungtaste drückt, endet der anschließende Sprung rückwärts im sicheren Tod.
Prinz reloaded
Klettern und springen sind die besten Voraussetzungen, damit der Prinz seine Abenteuer heil übersteht. Da manchmal noch kleinere Rätsel eine weitere Herausforderung bilden, kann er mithilfe des so genannten Zeitsandes die Zeit beeinflussen. Hin und wieder ist es erforderlich, den Ablauf der Zeit zu verlangsamen oder zu beschleunigen, um beispielsweise ein sich schnell schließendes Tor rechtzeitig erreichen zu können. Die wohl beste Hilfe, die dem Prinzen zu Verfügung steht, ist aber noch immer die Möglichkeit, die Zeit um einige Sekunden zurückdrehen zu können. Hat man sich bei einem Sprung über einen Abgrund verschätzt und landet mit gebrochenen Rippen einige hundert Meter weiter unten, kann man einfach bis zum Zeitpunkt des Absprungs "zurückspulen". Nun begeht man die gleiche Dummheit wieder oder sucht sich einen anderen Weg. Für all diese Gimmicks benötigt man aber immer wieder den magischen Sand, den man sich aus Kisten oder von gefallenen Gegnern besorgen muss.
All diese Hilfen wird man auf seinen Wegen zu schätzen wissen. Im Grunde besteht das Spiel aus einer Abfolge von riesigen Räumen, die gespickt sind mit Fallen und schwindlerregenden Bauten, die man überqueren muss, um den nächsten Raum zu erreichen. Das klingt linear und ist es auch. Aber die Aufgaben, die jeder Raum an den Spieler stellt, lasten einen meistens voll aus. Da oft nicht auf dem ersten Blick klar ist, welchen Weg man einschlagen muss, wird beim Betreten eines Raumes ein kurzer Überflug über den vor einem liegenden Weg geboten. Passt man dabei schön auf, kann man ungefähr abschätzen, was einen erwartet. Dass manchmal auf einem schmalen Balken, den man gerade wankend überquert, Gegner lauern, lässt die Aufgaben nicht gerade leichter werden. Um das Spiel nicht allzu linear werden zu lassen, muss man hin und wieder Zeitportale benutzen. Durchschreitet man ein solches Portal, befindet man sich zwar noch am selben Ort, aber zu einer anderen Zeit. Während in der einen Zeit alles verfallen, düster und funktionslos ist, erstrahlt die gleiche Umgebung in der anderen Zeit in vollem Glanz. Leider funktionieren dann auch all die gemeinen Fallen, die man überqueren muss.
Der Schwierigkeitsgrad des Spiels ist recht hoch, aber meistens dennoch fair. Fällt man irgendwo herunter, ist es meistens die eigene Schuld. Dennoch könnte man an einigen Stellen in das Pad beißen, weil man nach fünf Minuten mühevoller Kleinarbeit und Kletterei falsch abgesprungen ist. Dann vom weit entfernten Speicherpunkt neu beginnen zu müssen, kann schon zu Frust führen. Bosskämpfe unterbrechen die Klettereinlagen. Diese Gegner sind harte Brocken und man muss erst eine passende Strategie finden, um sie zur Strecke zu bringen.
Grafik und Sound
RUF-MICH-AN
Der überaus professionelle Synchronsprecher von Johnny Depp leiht dem Prinzen seine Stimme. In zahllosen Filmen hat er bereits sein Können bewiesen. Warum man bei der Lokalisierung dieses Potenzial ungenutzt lässt, bleibt wohl ein Geheimnis des Publishers. Mit einem Wort, die Synchronisierung ist mies. Man merkt, dass der Sprecher im Studio saß und keine Ahnung hatte, in welcher Situation der jeweilige Satz eingespielt werden würde. So kann er sich nicht den Begebenheiten des Spiels anpassen und seine Sprache und Betonung darauf ausrichten. Die Sätze, die der Prinz spricht, werden einfach abgespielt. Das kling lustlos und passt meistens überhaupt nicht. Schade, dieser gute Sprecher wird hier einfach verheizt. Die Stimmen der anderen Figuren, besonders der Nebenfiguren sind noch schlechter. Oft werden sie einfach unmotiviert im Spiel abgespult und wiederholen sich nach kurzer Zeit immer wieder. Zudem sind einige der Sprecher einfach peinlich schlecht. Man trifft im verlaufe seiner Abenteuer auf einige weibliche Kämpferinnen denen nur schwer beizukommen ist. Anscheinend haben diese "Ladys" eine Vorliebe für Schmerzen. Ihre stets wiederkehrenden Sprüche nerven schon nach kurzer Zeit und man möchte sie allein schon deshalb von der Klippe stürzen. Sprüche wie "Ja, ich liebe den Schmerz, gib mir mehr davon" erinnern an das Spätprogramm von deutschen Fernsehsendern. Fehlt nur noch, dass unten eine 0190-Nummer eingeblendet wird...
Die Zwischensequenzen werden von einem orchestralen Soundtrack untermalt, der zu einem solchen Spiel perfekt passt. Leider schafft es diese Musik dann nicht mehr in das eigentliche Spiel. Dort wird man von einem rockigen Gitarren-Geschraddel genervt, das permanent wiederholt wird. Diese Musik ist nicht schlecht, aber sie passt einfach nicht zu diesem Spiel. Dieser Punkt ist aber sicherlich auch vom Geschmack des Einzelnen abhängig.
Die Qualität der vorgerenderten Zwischensequenzen ist sehr gut. Sie sind dramaturgisch sehr gut in Szene gesetzt und wesentlich hochwertiger als die Sequenzen, die in Ingame-Grafik gehalten werden. Die Texturen im Spiel sind bei näherer Betrachtung manchmal recht schlicht und die Gesichter der Figuren mitunter auch kantig. Dafür entschädigen die phantastische Architektur der Areale, die oft aus riesigen verwinkelten Klettereinlagen bestehen, die märchenhafte Optik des Spiels und zahllose Details wie Wasserfälle und tolle Feuereffekte. Auch wenn die vorab veröffentlichten Screenshots mal wieder wesentlich besser aussahen als das fertige Spiel, grafisch ist Prince of Persia: Warrior Within ein Highlight des Jahres.
Fazit
Prince of Persia: Warrior Within ist kein Spiel für Jedermann. Hat man ein Faible für Puzzles und sehr anspruchsvolle Klettereinlagen, dann findet man hier ein Spiel, das sehr fordernd ist und für sehr viel Spielspaß sorgen wird. Dann wird man sich auch nicht an dem sehr linearen Spielablauf stören.