Blacklist
Kaum zu glauben, aber das Spiel hat tatsächlich eine zusammenhängende Story. Es ist kein Ausbund an Poesie, aber das erwartet bei einem Arcade-Racer auch niemand. Es geht natürlich um Geld, Autos, schöne Babes und Respekt. Der Held des Spiels wird mit fiesen Tricks von Razor, dem coolsten Streetracer der Stadt, um seinen Dreier BMW gebracht. Da er seine fett gemachte Karre natürlich zurückhaben will, liegt es am Spieler, ihm dabei behilflich zu sein. Um gegen Razor antreten zu können, muss man sich allerdings zuerst durch die so genannte Blacklist kämpfen. Dies ist so etwas wie die Hitliste der Streetracer. Man fängt bei Platz 15 an und kämpft sich bis zur Nummer 1 hoch, um im großen Finale alles abzustauben.
Milestones und so
Um gegen einen der Blacklist-Fahrer antreten zu können, muss man allerdings zuerst einige Voraussetzungen erfüllen.
Diese Voraussetzungen bestehen zuerst aus dem Absolvieren von einer bestimmten Anzahl an Rennen. Diese Rennen können simple Rundenrennen sein, Rennen gegen die Uhr oder Ausscheidungsrennen, bei denen am Ende einer Runde der aktuell Letzte ausscheidet. Hinzu kommen Radarfallen-Rennen und die besonders nervigen Drag-Races, die mit Handschaltung gefahren werden und bei denen ein Ausweichen im Verkehr kaum möglich ist. Die gegnerischen Fahrer sind keine wahren Leuchten. Sie begehen immer wieder Fehler und beim Start kann man sie mit etwas Glück sehr weit hinter sich lassen. Als hätten die Entwickler das geahnt, haben sie ihnen einige unfaire Vorteile verschafft. So kommt es immer wieder vor, dass die Gegner, trotz eines sehr großen Rückstands, in Windeseile aufschließen können. Sie kennen auch alle Abkürzungen, die man auf fast jeder Strecke finden kann. Zudem kann man sie praktisch überhaupt nicht von der Strecke schubsen, weil ihre Fahrzeuge sehr widerstandsfähig sind. Dennoch sind die meisten Rennen mit etwas Geschick und Streckenkenntnis nicht sehr schwierig zu meistern. Auch die Blacklist-Fahrer selbst, die das eigentliche Ziel aller Rennen sind, stellen keine große Herausforderung dar. Sie sind sogar oft leichter zu besiegen als ihre Schergen. Nach kurzer Zeit hat man einfach keinen Respekt mehr vor diesen Typen, die mit ihren aufgemotzten Kisten zu den Rennen erscheinen als wäre Karneval.
Ein zweiter Bestandteil auf dem Weg an die Spitze der Blacklist sind die Milestones. Hier gilt es diverse illegale Schweinereien zu veranstalten. Das kann ein simples Durchfahren einer Radarfalle sein, das Rammen einer bestimmten Anzahl von Polizeifahrzeugen oder das Erreichen einer bestimmten Summe von Sachschäden und Kopfgeld, das auf einen ausgesetzt wird. Diese Ziele haben es im späteren Verlauf des Spiels wahrlich in sich. Das Rammen von zwei Einsatzwagen der Polizei und die anschließende Flucht sind noch keine große Herausforderung. Doch wenn diese Zahl später auf 32 ansteigt und das zu erreichende Kopfgeld bei 850 000 Dollar liegt, dann kann man sich auf schweißtreibende Jagden mit der Polizei gefasst machen, die durchaus auch fast eine Stunde dauern können. Und genau bei diesen Milestones liegen Frust und Freude sehr dicht beieinander. Es kann sehr frustrierend sein, wenn man nach einer langen Verfolgungsjagd mal wieder von den Cops eingekreist wird.
Back to the roots
Nun ist Need For Speed wieder zu seinen Wurzeln zurückgekehrt. Fortwährend lauern die Cops. Die Verfolgungsjagden mit den Gesetzeshütern machen einen Großteil des Spiels aus. Sie tauchen bei einem Rennen auf, sie tauchen bei der freien Fahrt auf, wenn man den Gasfuß etwas zu sehr durchgestreckt hat und sie tauchen auf, wenn man aus Versehen eine Bushaltestelle demoliert hat. Je nach Schwere der Schuld liegt die Alarmstufe mehr oder minder hoch. Auf den ersten zwei, drei Fahndungslevels kann man mit der Polente noch seine Spielchen treiben, sie rammen, zerstören und in den Gegenverkehr schubsen. Doch je mehr man sie reizt, desto weniger Spaß verstehen sie. Sie rücken mit Hubschraubern an, sie rücken mit schweren Geländewagen an und sie bauen Straßensperren mit Autos und Nagelbändern auf. Die Polizei ist nicht dumm. Sie verbeißen sich wie Bluthunde und lassen nur durch energisches Schütteln wieder los. Während einer Verfolgungsjagd hört man ihren Funk ab, der zwar nicht immer passt, aber doch hin und wieder Aufschluss darüber gibt, wo Straßensperren erreichtet werden und was sie noch alles im Schilde führen. Je weiter das Spiel fortschreitet, desto häufiger wird man gezwungen, nicht nur die einfachen Streifenpolizisten, sondern auch die wesentlich härteren State Troopers auf sich aufmerksam zu machen. Dies bedeutet, dass man sehr schnell das benötigte Kopfgeld verdient. Dies bedeutet leider aber auch, dass das Entkommen oft schlicht unmöglich wird. Wenn man durch die Stadt rast und dabei 20 Verfolger im Nacken hat, dann steigt der Adrenalinspiegel in ungeahnt Höhen. Ein wenig Hilfe bekommt man durch den Speedbreaker. In besonders brenzligen Situationen, etwa beim Durchbrechen einer Sperre, schaltet man eine Zeitlupe ein, die ein exaktes Manövrieren um dieses Hindernisse ermöglicht. Das Fahrverhalten der Autos unterscheidet sich teilweise deutlich, Beschleunigung, Bremsen und Kurvenverhalten sind stets verschieden. Insgesamt lassen sie sich allerdings alle recht gut steuern, immerhin ist Need For Speed ein reines Arcade-Spiel.
Pimp my Karre
Natürlich darf in einem solchen Spiel der Tuning-Part nicht fehlen. Der Anteil an verfügbaren optischen Spielereien überwiegt hier bei Weitem. Das Leistungstuning der Fahrzeuge beschränkt sich auf diverse vorgegebene Komplettpakete, die allerdings oft erst kurz vor Ende der Karriere verfügbar werden. So kauft man also alles, was verfügbar ist und muss sich keine Gedanken um das Zusammenspiel dieser Teile machen. Ein wenig Feintuning an einzelnen Merkmalen rundet das Bild ab. Beim optischen Tuning kann man sich dagegen wieder richtig austoben. Typisch für Need For Speed darf man jeden nur erdenklichen Aspekt an seinem Auto verändern und mit authentischen Parts seinem individuellen Geschmack anpassen. Dass dabei oft der gute Geschmack auf der Strecke bleibt, ist etwas, was man dann in Kauf nehmen muss.
Präsentation
Need For Speed Most Wanted ist ein waschechter Multiplattform Titel. Das Spiel ist bereits für ziemlich alle Konsolen und den PC erschienen. Entsprechend niedrig war meine Erwartungshaltung hinsichtlich der gebotenen Grafik. Doch dieses Misstrauen war über weite Strecken unbegründet. Angesichts der Tatsache, dass das Spiel eine Konvertierung ist, ist die gebotene Grafik mehr als ordentlich. Die knapp über 30 verfügbaren authentischen Fahrzeuge sehen sehr realistisch aus. Sie glänzen wunderbar in der Sonne, bei Unfällen kommt das optische Schadensmodell sehr gut zur Geltung und bei spektakulären Sprüngen und Unfällen wird eine Zeitlupen-Ansicht eingeblendet, die den Blick auf viele Details freigibt. Die frei befahrbare Stadt Rockport ist riesig. Sie bietet weite Highways, dicht bebaute Städte und Industriegebiete mit unzähligen Details. Gottlob beschränkt sich das Spiel nun nicht mehr ausschließlich auf Nachtfahrten. Alle Rennen finden am Tage statt, wobei die Tageszeiten und die Witterung stets variieren. Manchmal fährt man bei Regen, dann wieder bei bewölktem Himmel oder im Morgengrauen und kurz vor Sonnenuntergang. Besonders spektakulär wirken die dabei eingesetzten Effekte. Wenn die untergehende Sonne einen blendet oder dichter Nebel und umherwehendes Herbstlaub die Straße bedecken, dann vermittelt das eine grandiose Atmosphäre. Dass viele Texturen von Objekten am Straßenrand etwas schlicht wirken, kann man verschmerzen, denn immerhin bekommt man im Gegenzug eine riesige Spielewelt, die mit unzähligen, auch zerstörbaren, Objekten glänzt. Dass das Menü in manchem Belangen etwas chaotisch wirkt, ist nur ein kleiner Schönheitsfehler und als Entschädigung kann man die sehr kurzen Ladezeiten anführen, von denen sich ein Spiel wie Project Gotham Racing 3 eine oder zwei Scheiben abschneiden könnte. Begleitet wird das Spiel von diversen Zwischensequenzen mit gut aufgelegten Schauspielern und guter Dramaturgie.
Also alles in Ordnung?
Nicht ganz. Für die gebotene Vielfalt muss der Spieler einen hohen Preis bezahlen. Die Framerate ist unter aller Kanone. Das Spiel läuft eigentlich nur im Menü flüssig. Zumindest auf einem HDTV-Fernseher wird man mit permanentem Geruckel konfrontiert und das Spiel läuft mit maximal geschätzten 20 bis 22 Bildern pro Sekunde. In besonders hektischen Situationen mit vielen Verfolgern und Blechschäden bricht die Framerate komplett ein und erinnert an eine Slideshow. Für ein Rennspiel mit Autos, die mühelos mehr als 300 Km/h fahren können, ist das ein absolutes Desaster. Anfangs, kurz bevor die Kopfschmerzen einsetzen, fragt man sich, wie ein solches Spiel überhaupt in den Handel gelangen konnte.
Sound
Immerhin ist die Vertonung und Sounduntermalung erstklassig. Der Soundtrack besteht aus dem üblichen Gedudel mehr oder minder bekannter Bands und ist gewohnt rockig gehalten. Wer es mag, wird ihn im Optionsmenü lauter stellen, wer es nicht mag, kann sich problemlos seinen eigenen Soundtrack hinzuschalten. Die Synchronisation ist sehr gelungen. Die Sprecher verrichten ihren Job professionell und glaubwürdig. Das absolute Highlight und sehr referenzverdächtig ist das Brüllen der aufgemotzten Fahrzeuge. Diese Geräuschkulisse ist einfach grandios. Spiele wie Forza Motorsport oder Project Gotham Racing werden hier mühelos übertrumpft.
Online
Auch online darf man mit seiner Karre antreten. Doch leider wurde dieser Bereich mal wieder sehr stiefmütterlich behandelt. Zum einen dürfen nur maximal vier Spieler an einem Rennen teilnehmen. Zum anderen gibt es nur sehr wenige Spielvarianten. Vollkommen unverständlich ist, dass der Polizei-Aspekt nicht berücksichtigt worden ist. Wie viel Spaß hätte es gemacht, mit acht Spielern durch die Stadt zu düsen, wobei ein Team die Rolle der Cops übernimmt. Dass über 40 Strecken zur Verfügung stehen, macht diesen Spielmodus auch nicht mehr besser. Hier hat man eine große Chance verpasst. Natürlich ruckelt das Geschehen online mindestens genauso wie offline.
Fazit
Die Mutter aller Proll-Racer. Need For Speed Most Wanted hätte ein sehr gutes Spiel werden können, eines der besten zum Start der Xbox 360. Der Umfang der Karriere ist sehr groß, die Grafik sehr gut, der Sound perfekt. Leider machen die unglaublich instabile Framerate und der einfallslose Online-Modus das Spiel zu einem schlampigen Schnellschuss.