Das Spiel setzt voll und ganz auf die Identifikation mit den Spielfiguren und deshalb erlebt man alles aus der Perspektive von Matt Baker: Die Soldaten stehen dicht gedrängt in der engen Kabine des Transportflugzeugs und warten auf das Signal. Nicht nur Matt Baker wird allmählich ungeduldig. Als endlich das Signal zum Absprung kommt und man in die Nacht hinausspringt, kann man um sich herum unzählige Transportflugzeuge und Fallschirme sehen. Unter einem dröhnt das Feuer der deutschen Flak und Explosionen erhellen kurzzeitig die Nacht. Und man kann nichts tun als hilflos am Fallschirm zu hängen und zu hoffen, dass man den endlosen Gleitflug zur Erde heil übersteht.
Natürlich überlebt man den Absprung. Und von nun an kämpft man sich durch Frankreich. Die eigentlich einladenden malerischen Dörfer und Felder dienen als Kulisse für blutige Scharmützel und dramatische Ereignisse.
Die Beziehung des Spielers zu seiner Spielfigur wird zwischen den Einsätzen in sehr persönlichen, privaten Erzählungen von Matt Baker vorangebracht. Wenn er von seiner Heimat erzählt, diese scheinbar belanglosen Dinge, dann ist das sehr packend.
Der Sarge und die Jungs
Brothers In Arms ist kein gewöhnlicher Shooter. Wer das erwartet, wird eine böse Überraschung erleben. Man ist immer als Team unterwegs. Anfangs noch mit einem einzigen Begleiter, später aber auch schon mal mit zwei Trupps mit je vier Soldaten. Hin und wieder bekommt man auch das Kommando über einen Panzer. Diese Teams bilden die Grundlage, um eine Mission erfolgreich und mit heiler Haut zu überstehen. Wenn man diese Kameraden nicht klug einsetzt, dann wird man oft schon nach wenigen Metern von den Deutschen schlicht und einfach abgeknallt. Sich allein durchzuschlagen ist fast unmöglich. Dass diesem Team-Feature eine zentrale Bedeutung zukommt, wird daran deutlich, dass in den anfänglichen Missionen immer wieder Hinweise und kleine Tutorials eingeblendet werden, wie man das Team effektiv einsetzen kann. Dies erinnert stark an Full Spectrum Warrior. Mit dem Unterschied, dass man hier selber zur Waffe greifen muss und dass das Befehligen des Teams einfacher ist. Bereits nach wenigen Minuten hat man die einfache Steuerung verinnerlicht und kann seine Männer an die gewünschten Positionen schicken oder gibt ihnen den Befehl, einen erspähten Gegner unter Feuer zu nehmen.
Im Einsatz
Kaum eine Mission gleicht der anderen. Mal geht es in ein Dorf, das von den Deutschen gesäubert werden muss, dann muss man auf einem offenen Feld Landeplätze für Transportflugzeuge vorbereiten oder sich in einem Innenhof mit einem Panzer samt Begleitmannschaft herumschlagen. So abwechslungsreich die Ziele der Missionen auch sind, nach einiger Zeit bemerkt man, dass der typische und sicherste Weg, sie zu erfüllen, immer der gleiche ist. Ein Teil der Truppe schießt aus allen Rohren auf die Gegner, um sie in Deckung zu zwingen. Der andre Teil schleicht sich in der Zwischenzeit von der Seite heran und gemeinsam nimmt man die Feinde ins Kreuzfeuer. Da die Areale, in denen die Missionen stattfinden, recht klein und nach allen Seiten begrenzt sind, muss man sich an die vorgegebenen Verstecke, Deckungsmöglichkeiten und Positionen halten. Man wird nicht gezwungen, einen einzigen Weg zu bestreiten, aber die Möglichkeiten, die Feinde zu umgehen, sind begrenzt. Hinzu kommt, dass man nach einigen Versuchen genau weiß, wo und wann ein Feind auftauchen wird.
Harte Nuss
Soviel zur Theorie des Angriffs. Die Praxis sieht da nicht mehr ganz so einfach aus. Auch wenn manche Missionen den Weg zu strikt vorgeben und nur wenige alternative Wege in die Flanke des Feindes führen, das Erreichen der Ziele ist eine verdammt anstrengende Arbeit. Die Deutschen sind eine unglaublich harte Nuss. Sie ziehen bei Sperrfeuer den Kopf ein, aber sie bleiben nicht ewig in Deckung und sondieren immer wieder vorsichtig und aufmerksam die Gegend. Selbst wenn man sich von der Seite an sie herangeschlichen hat, bemerken sie einen früher oder später und dann bleiben sie nicht stur auf einer Position, sondern wechseln auch ihren Standort. Das Spiel ist schwer. Sehr schwer sogar. Auf der einen Seite sind da die Gegner, die clever und aggressiv agieren. Sie rufen sich gegenseitig Warnungen zu und stehen nie zusammen auf einem Fleck. Und manchmal fahren sie auch noch Panzer und Kanonen auf. Einen Panzer zu "knacken" ist eine lebensgefährliche Aufgabe. Auf der anderen Seite ist das recht realistische Schussverhalten der Waffen. Wenn man einfach nur abdrückt, dann verzieht eine Maschinenpistole innerhalb kürzester Zeit und das gesamte Magazin wird in die Wolken gejagt. Sicheres Zielen ist nur über Kimme und Korn möglich. Die eingeschränkte Sicht dabei, die an den Seiten etwas verschwimmt, wirkt dabei sehr beklemmend. In der Standardeinstellung des Spiels gibt es nicht einmal ein Fadenkreuz. Einen Gegner zu treffen, der über ein Feld läuft und dabei Haken schlägt, erfordert sehr viel Feingefühl. Den Ladebildschirm nach dem eigenen Ableben wird man öfter zu sehen bekommen als einem lieb ist. Dies ist wohl auch ein Grund, warum in der Standardeinstellung das Spielgeschehen einige Hilfen bietet, die zwar nicht realistisch sind, die man aber sehr begrüßt.
Situational awareness
Dieses Feature hat natürlich herzlich wenig mit dem Realismus des Krieges zu tun. Es dient als Hilfe, um sich einen Überblick über die Lage zu verschaffen. Drückt man die Back-Taste, dann wird das Spiel eingefroren und die Kamera schwenkt nach oben. Hier kann man zwischen den eigenen Leuten, erspähten Feinden, der Umgebung und Missionszielen umschalten. Man kann die Kamera schwenken, Zoomen und drehen. Dabei sieht man auch die gesamte Spielfläche bis weit zum Horizont, was sehr beeindruckend ist und zeigt, wie viele Details die Entwickler ins Spiel eingebaut haben, um die Einsatzorte realistisch abbilden zu können.
Supression Indicator
Befiehlt man seinen Männern eine Stellung des Gegners unter Feuer zu nehmen, dann erscheinen über deren Köpfe Symbole. Diese Symbole signalisieren, in welcher Verfassung die Gegner sind. Rot bedeutet, dass die Gegner auf der Hut sind und man zu jedem Zeitpunkt mit ihrem Feuer rechnen muss. Je grauer dieses Symbol wird, desto mehr wurden sie durch unser Feuer in Deckung gezwungen und dass man sich, vorsichtig, an ihre Stellung herantasten kann. Dabei droht allerdings weiterhin Gefahr, denn auch wenn der Gegner in die Deckung gezwungen wird, kann er jederzeit aus seiner Deckung spähen und die heranrückenden Amerikaner erspähen.
Der Krieg ist nicht fair
Sollten alle Stricke reißen und man wird in einer Mission immer wieder über den Haufen geballert, weil man einige seiner Männer verloren hat, dann bekommt man einen Hinweis, dass der Krieg zwar nicht fair sei, ein Videospiel es aber sein sollte. In diesem Falle darf man dann entscheiden, ob man samt Mannschaft in seiner Gesundheit wiederhergestellt werden will. Sehr nett und sehr nützlich.
Realismus
Als Spieler ist es aber auch möglich, sich das Leben unnötig schwer zu machen und alle Hilfen auszuschalten. Dann hat die eigene Waffe nicht einmal ein Fadenkreuz und man kann sich die Zähne an den Gegner ausbeißen. Dann weiß man, wie schwer ein Spiel sein kann.
Atmosphäre
Was das Spiel auszeichnet, ist, neben den authentischen und teils detailgetreuen Handlungsorten, die packende Atmosphäre. Wenn man durch einen nahen Granateneinschlag 15 Sekunden lang betäubt, mit dröhnenden Ohren und verschwommener Sicht, umherirrt, dann ist man als Spieler in seinem Wohnzimmer mehr als beeindruckt. Die "Brothers in Arms", die durch Dick und Dünn gehen, die kreischenden Explosionen, die den Spieler mit Erde und Dreck bedecken. Auch das spritzende Blut von Getroffenen - fast alle Aspekte des Krieges sind absolut glaubwürdig umgesetzt.
Im Stil von Filme wie "Saving Private Ryan" und "Band of Brothers" ist die Grafik in tristen Brauntönen gehalten. Alles wirkt etwas schmutzig und trostlos. Die Gesichter der eigenen Leute sind sehr schön modelliert, die Waffenmodelle, Gebäude und allgemein die gesamte Welt des Spiels ist mit viel Liebe zum Detail gestaltet. Nur hin und wieder gibt es leichtes Kantenflimmer oder sehr leichtes Aufploppen von Gebüschen. Die Explosionen gehören eindeutig zum Besten, was man auf Konsolen zu sehen bekommt.
Der Sound erreicht eine ebenso hohe Qualität wie die Grafik. Explosionen, Schüsse und Umgebungsgeräusche passen wunderbar zum Ambiente. Selbst die deutsche Sprachausgabe muss sich nicht vor der englischen verstecken. Der deutsche Sprecher von Matt Baker passt perfekt ins Spiel. Seine teils traurigen Erzählungen von Daheim lassen Gänsehautatmosphäre aufkommen. Leider hat Ubisoft die unangenehme Angewohnheit, dass sie immer wieder für ihre Spiele einen bekannten RTL-Sprecher für ihre Spiele engagieren. Dadurch fühlt man sich manchmal wie bei Explosiv oder ähnlichen billigen Sendungen. Dies ist aber eine rein persönliche Meinung.
Die Titelmelodie hingegen ist definitiv eine der besten Melodien der letzten Jahre. Sie erreicht Weltklasseniveau. Von diesem Soundtrack hört man im eigentlichen Spiel leider nichts, was sehr enttäuschend ist.
Multiplayer
Eine Möglichkeit, online gegen drei weitere Gegner anzutreten, komplettiert das Spiel. Dabei gibt es kein Deathmatch oder Capture the Flag. Man erfüllt bestimmte Aufgaben. Je zwei Spieler stehen sich auf jeder Seite gegenüber und jedem steht ein kleines Squad zur Verfügung. Während die eine Seite versucht, beispielsweise eine Brücke einzunehmen, muss die andere Seite dies verhindert. Ein ausführlicher Bericht folgt in Kürze.
Fazit
Brothers In Arms ist recht linear. Es ist sehr schwer und es bietet kaum Neuerungen, die andere Spiele nicht auch bereits hätten. Was das Spiel auszeichnet, ist die einzigartige Atmosphäre, die die Beziehung zu den Spielfiguren vertieft und den Spieler mitten in das Geschehen katapultiert. In dieser Hinsicht hat man bereits im März eines der besten Spiele des Jahres vor sich. Zumindest das erste Durchspielen ist eine grandiose Spielerfahrung, die jedem Spieler wärmstens empfohlen werden kann.