Halo 2 Review

Hier steh´ ich also. Auf einem Hügel. In der Hand halte ich eine Alien-Wumme, die aussieht wie ein Föhn im Colani-Design. Und wenn ich an mir heruntersehe, kann ich meine Füße erkennen. Wahnsinn. Dass ich die Plattfüße des Master Chief sehen kann, soll eine der bahnbrechenden Neuerungen sein, die seit Monaten im Internet diskutiert werden.

Das also ist Halo 2. Ein Spiel, das uns seit Jahren durch die geballte Marketing-Maschinerie von Microsoft um die Ohren gehauen wird. Wohl kaum ein anderes Spiel wurde derart hochstilisiert wie Halo 2. Der Hype nimmt teils skurrile, teils lächerliche Züge an. Renommierte Zeitschriften, die eigentlich jedes Spiel vorab testen, dürfen plötzlich nur unter Bewachung eines Microsoft-Aufpassers spielen, sie dürfen auch keine Screenshots anfertigen und erst recht keine Wertung vor dem offiziellen Release abgeben. Ein Wort zur Story des Einzelspieler-Modus ist ebenso verpönt wie das Anfertigen von eigenen Videos.

Fans des Spiels nehmen sich Urlaub, zelebrieren Partys, und packen das Spiel in einer religiös anmutenden Zeremonie aus. In Foren werden User, die sich kritisch äußern, gnadenlos niedergemacht.
Was bei Spielen wie Driver 3 und Enter the Matrix auf heftige Kritik seitens der Spieler gestoßen ist, wird bei Halo 2 als Tatsache hingenommen. Nämlich das Puschen des Spiel vorab, ohne dass jemand auch nur einen Blick darauf geworfen hat. Nun denn, legen wir los und sehen, ob es wirklich so gut geworden ist wie uns Microsoft weismachen will.

Story

Bis vor wenigen Wochen war über die Story nichts bekannt. Aber auch rein gar nichts. Das große Geheimnis liegt wohl darin, dass der Spieler im Verlauf des Spiels nicht nur in die Rolle des Master Chief schlüpft, sondern auch einen Alien steuern darf. Somit teilt sich das Spiel abwechselnd in zwei Handlungsstränge, die zwei unterschiedliche Aspekte der Geschichte beleuchten. Auf der einen Seite steht der strahlende Held Master Chief, auf der anderen Seite der arme Tropf von einem Alien, der mitten in einen Glaubenskrieg der Außerirdischen gerät und nach seinen verlorenen Kämpfen gegen die Menschen in Halo 1 nicht nur seine Ehre retten muss, sondern auch seine Haut. Eines muss man Microsoft und Bungie lassen – ob man die Story nun mag oder nicht – sie ist sehr komplex und vielschichtig. Es geht um religiösen Fanatismus, Machtkämpfe zwischen den Aliens und nebenbei um die Zerstörung der Menschheit. Wäre es anders, könnte man auch nicht so herrlich herumballern.

Das Spiel

Die Guten

Der Anfang des Spiels ist bereits aus dem ersten Teil bekannt. Man findet sich auf einem Raumschiff wieder, muss seinen Helm kalibrieren, indem man auf diverse Lichter blickt und kurz drauf wird man ins Getümmel geworfen. Die Aliens wollen doch schon wieder das Schiff stürmen. Also werden wir der verdammten Brut ordentlich einheizen. bbedit

Sie sprengen kurze Zeit später die Tür und verteilen sich sofort im Raum, um Deckung zu suchen und die Gegner unter Feuer zu nehmen. Da hilft nur geballte Feuerkraft. Ein Glück, dass man zwei Waffen gleichzeitig benutzen kann. Das erhöht die Schlagkraft enorm, zumal die Gegner sehr aggressiv und auch klug vorgehen. Intelligentes und taktischen Vorgehen beherrschen sowohl die menschlichen als auch die außerirdischen Kameraden und Gegner.

Das Führen von zwei Waffen ist übrigens eines der vielen Details, die so ausgiebig in Internet-Foren diskutiert werden. Es interessiert niemanden wirklich. Ebenso, dass nun die Energieanzeige an eine andere Stelle versetzt worden ist oder dass die Nachladezeit 2 Sekunden länger ist. Aber so sind sie nun mal, die Verehrer von Halo. So detailverliebt und gewissenhaft.

Nachdem wir die Aliens aus unserem Raumschiff vertrieben haben, geht es in einer dramatischen Sequenz hinaus in den Weltraum. Master Chief krallt sich an einer deponierten Bombe fest und liefert sie postwendend beim Überbringer ab.

Im zweiten Level wechselt das Szenario dramatisch. Waren wir eben noch in den düsteren Gängen der Raumstation unterwegs, geht es nun in das sonnendurchflutete, aber leider auch stark zerstörte New Mombasa. Wir kämpfen in den Straßen und Häusern der umkämpften Stadt. Zunächst gegen die relativ leicht zu besiegenden Standard-Aliens, später gegen fliegende Insekten-Wesen und schließlich gegen sehr große und schwer gepanzerte Gegner. Während dieser Kämpfe ist es möglich, nicht nur die eigenen Waffen zu gebrauchen, sondern auch fest installierte, schwere Kanonen.

Geht die Munition zur Neige, schnappt man sich kurzerhand die Waffe eines Kameraden oder eines getöteten Aliens.

In New Mombasa folgt ein Abschnitt, der uns zwingt, einen schweren Panzer zu benutzen. Unsere Kameraden sitzen auf dem Panzer und feuern aus allen Rohren. Wir nehmen Platz an der Kanone und pusten alles aus dem Weg, was uns in die Quere kommt. Diese Mission fällt leider gegenüber den anderen etwas ab. Das herumfahren mit dem Panzer macht zwar Spaß, herausfordernd ist es aber nicht. Gegen das schwere Geschütz unseres Panzers haben die Feinde kaum eine Chance.

Dafür wird man kurz darauf mit dem Einsatz von anderen Fahrzeugen entschädigt. Entweder man benutzt den schwer zu steuernden Warthog der Menschen oder man schnappt sich einen der kleinen, wendigen Gleiter der Aliens. Sollte ein solches Gefährt bereits besetzt sein, kann man dessen Fahrer auch unsanft nach draußen befördern. Man nähert sich dem Gefährt, drückt auf einen Knopf und schon ist man Herr des Cockpits. Aber Vorsicht, diesen Platz kann man ebenso schnell wieder verlieren.

Die Missionen führen uns an recht abwechslungsreiche Orte. Man findet sich inmitten von prähistorisch anmutenden Ruinen, auf einer riesigen Roboter-Spinne, auf großen, gleitenden Plattformen über dem Meer und sogar unter Wasser. Hier hat Bungie gute Arbeit geleistet.

Die weniger Guten

Eine spannende Neuerung an Halo 2 ist mit Sicherheit die Möglichkeit, diverse Missionen aus der Sicht eines Aliens zu spielen.

Spielt man als Master Chief meist in recht gut beleuchteten Umgebungen, wird es auf der Gegenseite sehr düster. Man führt oft einen kleinen Trupp von Aliens an und dringt in feindliche Festungen ein, die von Gegnern kontrolliert werden, die der eigenen Rasse angehören.

Sehr praktisch ist die Tarneinrichtung über die man kurzzeitig verfügt. Ganz im Stil der Predator-Filme schaltet man eine Tarnung hinzu, durch die man fast vollkommen unsichtbar wird. Nur eine leichter Schimmer verrät einen noch. Schade ist, dass unsere Kameraden diese Tarnung für sehr lange Zeit benutzen können, wir hingegen nur wenige Sekunden.

Diese Missionen führen den Spieler an teilweise sehr beklemmende Orte. Eklige Labors und enge und dunkle Gänge wechseln sich ab mit bizarren Gebäuden und Maschinen und grandiosen Luftkämpfen. Hinzu kommen phänomenal gigantische Konstruktionen, die als Kulisse unserer Abenteuer dienen.

Der Nachgeschmack

Bei aller Abwechslung im Leveldesign bleibt trotzdem ein etwas schaler Nachgeschmack. Die meisten Level wirken irgendwie steril. Man hat das Gefühl, dieser und jener Abschnitt ist nicht Teil einer komplexen Welt, sondern dient nur als Szenario eines Kampfes und wurde nur aus diesem Grunde erschaffen. Man fährt auf einer Plattform über das Meer und nähert sich einem Gebäude. Und man weiß ganz genau, dass in jener und jener Ecke die Gegner auftauchen werden. So verhält es sich mit nahezu jedem Abschnitt. Ein Labor der Aliens sieht man zunächst nur von oben durch eine Scheibe. Und natürlich werden dort unten massig Aliens warten und deshalb wird man sich durch dieses Labor kämpfen müssen, um den Level zu beenden. Es gibt keine Überraschungen.

Spätestens nach einer Stunde stellt man fest, dass das Spiel kaum Innovationen bietet. Sicher, der Einsatz von diversen Fahrzeugen, die in in viele Einzelteile gesprengt und geschossen werden können, ist ein nettes Spielelement, aber nichts Neues.

Der Umgang mit Waffen und Feinden in den Alien-Missionen unterscheidet sich, verglichen mit den menschlichen Spielabschnitten, nur durch das Design der Gerätschaften.

Beide Rassen verfügen über ähnliche Arsenale. Ein Sniper-Gewehr, diverse Handfeuerwaffen und leichte Maschinengewehre. Abwechslung bieten hier nur die Tarnung der Aliens und das sehr mächtige Plasma-Schwert, das im Nahkampf verheerende Schäden anrichtet.

Die Story, die in zahlreichen Zwischensequenzen erzählt wird, basiert auf einem ausgefeilten Drehbuch. Die Umsetzung dieser Story im Spiel erfordert aber letztendlich nur eine einzige Vorgehensweise: Ballern bis alles tot ist. Fehlt Dir Munition, dann nimm eine andere Waffe auf und schieß weiter. Hier fehlt jegliche Innovation. Niemand wird sein Gehirn in Gang setzen müssen, um das Ende des Spiels zu sehen. Gutes Zielen zählt alles, Hirnschmalz nichts. Einige wenige Schalter müssen umgelegt werden, um Türen zu öffnen oder Mechanismen in Gang zu setzen. Ein Spiel, das die Welt erschüttern will und dessen Story wie ein Staatsgeheimnis gehütet wurde, sollte vielleicht etwas mehr bieten als das. Die lineare Vorgehensweise unterstreicht diesen Eindruck. Zwar gibt es einige Stellen, an denen man den Gegnern in den Rücken fallen kann, diese sind jedoch nur sporadisch vorhanden und sie ermöglichen auch nur einen kleinen Ausbruch aus der Linearität. Alle Wege sind vorgegeben und einzuhalten, will man zum nächsten Level kommen. Einzig beim Töten kann man sich entscheiden, welche Waffen man einsetzen will.

Grafik

Zunächst einmal sollte man festhalten, dass alle vorab veröffentlichten Bilder nicht der Realität entsprechen. Blättert man beispielsweise ein Magazin wie die GamePro durch, dann stößt man auf atemberaubende, hochaufgelöste Bilder. Die Redaktion wurde gezwungen, die offiziellen Bilder zu benutzen und durfte keine eigenen Screenshots anfertigen. Das Problem ist, dass dieses Promo-Material zu schön ist, um wahr zu sein. Die Texturen sind perfekt, die Auflösung gigantisch. Alles Humbug.

Dennoch: Die Grafik ist eindeutig eine der starken Seiten von Halo 2.
Beim Spielen stellt sich unweigerlich ein großes Staunen ein. An Halo 2 werden sich künftige Spiele messen müssen. In den Außenarealen fällt die phänomenale Weitsicht auf. Steht man auf einer Anhöhe, dann kann man über das Meer bis zum Horizont blicken. Der Himmel ist zwar gemalt, aber das mindert den Eindruck nicht im Geringsten.

Die Auffälligste Komponente an der Grafik in Halo 2 sind die zahllosen Lichteffekte. Überall blitzt und lodert es. Die Mündungsfeuer der Alien-Waffen und Fahrzeuge sind ein echter Hingucker. Blau oder rot strahlende Effekte erhellen dunkle Gänge, grell leuchtende Schüsse von Drohnen oder strahlende Rüstungen lassen den Unterkiefer des Spielers manchmal nach unten klappen.

Bei den Texturen gibt es hin und wieder Aussetzer. Objekte und Personen werden erst detailliert dargestellt, wenn man sich ihnen nähert. In einigen Abschnitten werden grandiose Oberflächen durch triste und einfallslose Texturen durchbrochen. Das sieht zwar nicht sehr schön aus, doch es stört den Gesamteindruck auch nicht weiter.

Die Flugeinlagen, die man in einigen Leveln absolvieren muss, sind ein weiterer Beweis für die grandiose Arbeit, die hier abgeliefert wird. Nichts ruckelt, selbst, wenn man zwischen gigantischen Gebäuden umherfliegt und die Gegner aus allen Rohren feuern.

Sound

Sound und Musik bewegen sich ebenfalls auf allerhöchstem Niveau. Dolby Digital wird bis zum Letzten ausgereizt. Aus allen Lautsprechern erschallen Effekte, Stimmen und Musik. Gegner sind stets klar zu orten. Ob hinten links, hinten rechts oder vorne links, immer weiß man, woher die Gefahr droht. Dadurch und durch die brillanten Effekte wird teilweise eine absolut beängstigende Atmosphäre heraufbeschworen, die man getrost als Referenz ansehen kann.

Die Musik ist größtenteils passend und stimmig. Ob rockiger Soundtrack oder harmonische Filmmusik, fast immer wird der richtige Ton getroffen. Nur vereinzelt, sehr selten, hört man Musikstücke, die etwas zu “billig” klingen.
Stimmen und Synchronsprecher erreichen nicht die Klasse der übrigen Sounds, da einige der Sprecher ihre Texte lustlos und auch unpassend vortragen. Dieses Manko wird aber durch die übrige Soundkulisse wieder wett gemacht.

Design

Das Design des Spiels dürfte nicht bei jedem Spieler auf Begeisterung stoßen. Sind die Waffen und Fahrzeuge der Menschen noch sehr technisch und kühl, wandelt sich das Bild auf der Gegenseite ins Gegenteil. Die Waffen der Aliens sind teilweise einfach absurd hässlich. Eine gewölbte Pistole, die mit diversen leuchtenden Glassplittern gespickt ist, wirkt irgendwie fehl am Platz.
Natürlich, alles bei den Aliens ist organisch und fließend, aber man hat immer wieder das Gefühl, auf dem Christopher Street Day zu sein, mit all den fröhlich-tuntigen Waffen. Besonders deutlich wird das, wenn ein Marine eines dieser Dinger in der Hand hält, weil ihm die Munition für die eigene Waffe ausgegangen ist. Wenn man diesen Marine ansieht, möchte man ihn nur noch bedauern. Lieber mit der bloßen Faust kämpfen als mit diesem Alien-Dildo. Aber das war schon immer der Stil von Bungie. Schon bei den Frühwerken der Entwickler, den Spielen der Marathon-Reihe, konnte man ähnliche Designs beobachten.

Der Bizarre Eindruck wird von den Gegnern teilweise unterstützt. Es gibt Aliens, die wie richtig gefährliche Monster aussehen und jedem Hollywoodfilm zur Ehre gereichen würden. Es gibt aber auch diese kleinen Mainzelmännchen, die wie Enten watscheln, riesige, alberne Hüte tragen und hysterisch quieken. Man weiß bei denen nicht einmal wo vorne und hinten ist. Hat man sie erst erschossen, kann man das nicht mehr herausfinden, weil sie nur noch aus einem Haufen blau leuchtenden Breis bestehen.

Multiplayer

Beim Thema Multiplayer haben sich die Entwickler nicht lumpen lassen und haben ein reichhaltiges Angebot an Spielmodi ins Spiel integriert, das über jeden Zweifel erhaben ist. Ob Offline mit bis zu vier Spielern, im lokalen Netzwerk oder per Xbox Live, der Spieler hat die Qual der Wahl. King of the Hill, Deathmatch, Team Deathmatch oder Capture the Flag. Diese und zahlreiche andere Spielmodi sind vorhanden und werden durch unzählige Varianten vervielfältigt. Leider fehlt ein Coop-Modus über Xbox Live, der nur offline per Splitscreen spielbar ist.

Ergänzt wird das Gemetzel von zahlreichen Statistiken und Optionen, das Spiel nach eigenem Gutdünken zu gestalten.

Obwohl die Multiplayer Spiele bei Halo 2 sehr hektisch sind und oft auch nur in wildem Herumgehopse ausarten, dürften die Vielzahl für viel Abwechslung sorgen.

Wie sich diese Spielkomponente bewährt, wird man in den nächsten Tagen und Wochen sehen. Ein ausführlicher Testbericht dieses Bereichs folgt in Kürze.

Fazit

Ob das Spiel nun der beste Shooter aller Zeiten ist, darf man getrost bezweifeln. Eingefleischte Halo-Fans werden das so sehen. In fast schon religiösem Fanatismus werfen sie sich in die Schlacht und kaufen das Spiel blind. Dagegen kann man nichts einwenden.

Wenn man es möglichst objektiv betrachtet, dann ist Halo 2 ein sehr guter Shooter mit überragender Technik. Die Messlatte für die Konkurrenz wurde durch Bungie sehr hoch nach oben verschoben. Der Multiplayer-Part ist ungemein umfangreich und eindeutig die starke Seite von Halo 2.

Der Einzelspieler-Modus hingegen kann das hohe Niveau der Versprechungen nicht halten. Trotz diverser Neuerungen im Leveldesign und einer komplexen Hintergrundgeschichte läuft das Geschehen auf stumpfes Ballern hinaus. Die Gehirnzellen werden nicht gefordert, sondern nur der Abzugsfinger. Der letztendliche Spielablauf kann mit der Story nicht mithalten, denn was sie an Komplexität vorgibt, wird nicht im Geringsten umgesetzt. Man schießt sich von Abschnitt zu Abschnitt, von Gegner zu Gegner.

Der Einsatz von Fahrzeugen schafft eine gewisse Abwechslung, die durch die geringe Vielfalt an verschiedenen Gegnern jedoch wieder zunichte gemacht wird.
Ob die teils kitschig-bunten und unförmigen Waffen und die etwas einfallslosen Settings den Spielspaß mindern, muss jeder für sich selbst entscheiden. Ich denke, nein, denn dafür wird man auf der anderen Seite mit atemberaubenden Levelabschnitten entschädigt, die eine einzigartige Atmosphäre vermitteln.

Fazit vom Fazit

Halo 2 ist auch nur ein Spiel…

Grand Theft Auto: San Andreas

Die korrupten Cops fangen Carl “CJ” Johnson bereits am Flughafen von Los Santos ab und hängen ihm einen Mord an, den er, ausnahmsweise, nicht begangen hat. Damit haben sie ihn in der Hand. CJ ist heimgekehrt, um an der Beerdigung seiner Mutter teilzunehmen. Fünf Jahre zuvor hatte er seinem Stadtteil den Rücken gekehrt. Sein Bruder Sweet ist dort geblieben. Er führt in seiner Gang ein strenges Regiment und ist auf CJ nicht gut zu sprechen, weil er ihm die Schuld an dem Tod ihres kleinen Bruders gibt, der in den Bandenkrieg geraten ist, der in Los Santos tobt. Die Beerdigung gerät zum Desaster. Eine gegnerische Gang nutzt  diesen Moment der stillen Trauer und versucht, Sweet samt Gang ins Jenseits zu befördern. Dieser Überfall ist der Anlass für CJ in sein altes Leben als Gangmitglied zurückzukehren und alle guten Vorsätze, ein halbwegs anständiges Leben zu führen, über Bord zu werfen.

Dies ist der Auftakt zum neuesten GTA-Spektakel und bildet nur die Spitze von unzähligen Abenteuern, Aufgaben und Freiheiten, die man in diesem Spiel erleben wird. Die Entwickler haben es im neuesten Teil nicht dabei belassen, eine einzelne Stadt als Spielwelt zu erschaffen. Sie haben es geschafft, drei Städte in einen Bundesstaat zu packen. Inklusive einem riesigen Straßennetz, das diese Bereiche miteinander verbindet. Anfangs kann man nur ahnen, welch riesige Spielwelt einen erwarten wird.

Eine Welt voller Ideen

Grafik

GTA war schon immer ein trauriges Beispiel für schlechte Grafik. Im Jahre 2005 mit solch schlichten Texturen, solch eckigen Charaktermodellen und stellenweise stark aufpoppenden Objekten ein Spiel auf den Markt zu bringen, würde jedem anderen Entwickler finanziell den Todesstoß versetzen. Doch die Entwickler von Rockstar hatten in dieser Hinsicht schon immer einen Bonus von Seiten der Spieler. Das ist auch bitter nötig, denn oft wundert man sich, wie simpel viele Texturen aussehen. Die Hände der Spielfiguren beispielsweise sind unförmige Klumpen, die kaum Ähnlichkeit mit ihren anatomischen Vorbildern haben und fliegt man mit einem Flugzeug über die Spielwelt, dann tauchen viele Objekte unvermutet aus dem Nebel auf. Sehr schade ist, dass die Vorteile der Xbox gegenüber der Playstation 2 praktisch gar nicht genutzt werden und dass das Spiel, was die technische Seite angeht, nur eine simple Portierung ist. Die Texturen sind minimal schärfer, das Kantenflimmern ist ebenfalls reduziert. Und dennoch, einen Unterschied sieht man nur im direkten Vergleich.Dies ist jedoch nur ein Aspekt der Präsentation. Im Gegenzug zu diesem Minimalismus bekommt man, als Entschädigung sozusagen, eine schier endlos anmutende Welt, die man ohne Ladezeiten zu Lande, zu Wasser oder in der Luft bereisen kann. Mit Smog verseuchte Industriegebiete wechseln sich ab mit ländlicher Idylle und einer an Las Vegas erinnernden Stadt. Kein Quadratmeter dieser Welt ähnelt dem anderen. Alles wirkt jederzeit authentisch und ist gefüllt mit Leben. Dichter Verkehr in den Großstädten, ein riesiges Autobahnnetz, Industrieanlagen, Häfen, Stadien und alles, was man in einer Stadt oder einem Staat erwartet, findet man auch in San Andreas. Selbstverständlich darf man auch hier wieder nach Belieben alle verfügbaren Fahrzeuge von ihren Besitzern entwenden. Ob Fahrräder, Trucks, Golfwagen, Flugzeuge, Hubschrauber, Schnellboote, Panzer oder Polizeifahrzeuge. Letztere werden von den einheimischen Polizeibehörden allerdings nicht gern an Gangster verliehen, weshalb das besteigen eines Polizeifahrzeuges einen Großalarm auslöst und dafür sorgt, dass die Cops sich wie wild auf einen stürzen. Die Tatsache, dass man zivile Flughäfen zum Bereisen dieser Welt benutzen kann, macht deutlich, wie groß diese Welt ist. Statt mit dem Auto endlos über die Autobahnen zu düsen, geht man in einen Flughafen und bucht dort einen Flug. Diesen Flug erlebt man in Echtzeit inklusive Start und Landung.GangsteralltagDas Herz des Spiels bilden die über 100 Missionen, die der Protagonist erfüllen muss, um die Story voranzutreiben. Fast alles dreht sich dabei um krumme Geschäfte, Waffen, Drogen und leichte Mädchen. Anfangs scheint es, als wäre die Geschichte im Ghettoalltag angesiedelt. Doch dies ist nur ein Bestandteil. Wer mit all dem Hip Hop, den zu großen Hosen und der Homie-Mentalität nichts anfangen kann, darf aufatmen.

Nur der erste Teil des Spiels ähnelt in seiner Ausprägung Filmen wie “Boyz n the Hood”  oder “Colors”. Obwohl ein ausgewachsener Homie sich bewegt wie ein hüftkranker Pavian, gebührt hier den Entwicklern der vollste Respekt, denn alle Bewegungen wurden per Motion Capturing eingefangen und wirken flüssig und authentisch. Im späteren Verlauf geht es raus aufs Land, wo eine vollkommen andere Atmosphäre herrscht. Dort tragen die Cops Cowboyhüte, sie fahren Geländewagen und die Bewohner erinnern einen nicht selten an Hinterwäldler, die in ihren Autos meistens den Country-Sender mit schnulzigen Balladen eingeschaltet haben. In San Fiero und Las Venturas bekommt man es dann mit den Chinesen, den Russen, dem Geheimdienst und allerlei anderen dubiosen Gestalten zu tun.Dass man dabei auf ein gut sortiertes Repertoire an Waffen zurückgreifen kann, versteht sich von selbst. Ob mit der abgesägten Schrotflinte, den bloßen Händen, einem Messer oder einem Panzer, es gibt kaum eine Tötungsart, die man nicht ausüben könnte. Dass man Passanten und Gegner einfach mit dem Auto platt machen kann, ist schon lange Bestandteil des Serie. Das Einbetonieren eines Gegners samt mobilem Klo in einer Baugrube ist hingegen neu.

Die Missionen unterscheiden sich nicht nur in ihrer Aufgabenstellung, sondern auch deutlich in ihrem Schwierigkeitsgrad. Mal muss man nur zu einem bestimmten Ort fahren, dort jemanden ausschalten und wieder zurückkehren. Mal muss man mitten in einer ausgewachsenen Schießerei auf jemanden Acht geben und ihn um jeden Preis beschützen, dann wieder in einer wilden Verfolgungsjagd der Polizei entkommen oder selbst jemanden jagen. Es gibt jedoch auch Missionen, die einen zur Verzweiflung treiben können. Wenn man mit ferngesteuerten Flugzeugen auf Gegner Jagd macht und dabei nicht nur gegen das verteufelt schwere Flugverhalten, sondern auch gegen den Treibstoffverbrauch und den Verkehr auf den Straßen und die Gegner ankämpfen muss, dann kommt man ins Schwitzen und verflucht das Spiel, wenn man es mal wieder nicht geschafft hat.Kommt man mit einer Mission mal nicht weiter, dann kann man sich zur Abwechslung an einer anderen versuchen. Die Wahl der Missionen bleibt einem meist selbst überlassen.Die Story bietet ein weites Spektrum des Gangsteralltags und sie ist gespickt mit überraschenden Wendungen und kuriosen Zwischensequenzen. Aus dem kleinen Gangster CJ wird nicht ein großer Gangsterboss. Er muss sich vielmehr stets gegen größere Gangster behaupten, Freunden aus der Patsche helfen und auf seine Schwester aufpassen. Insgesamt ist die Geschichte sehr gut gelungen, auch wenn einige der Wendungen teils arg aufgesetzt wirken, um bestimmte Missionen einzuleiten.

Skills

Wer keine Missionen spielen möchte, kann frei die Welt erkunden, jedenfalls die Teile, die bereits freigeschaltet sind, und sich um die Verbesserung seiner Fähigkeiten kümmern. Nahezu alles, was einem nützlich sein kann, darf man verbessern. Die Ausdauer beim Laufen oder Schwimmen. Den Umgang mit Waffen und Fahrzeugen, den Respekt, den andere Bandenmitglieder einem entgegenbringen. Auch den Sexappeal, der auf weibliche Bewohner wirkt und der nützlich ist, wenn man sich eine Freundin “zulegen” möchte. Steigt beispielsweise der Respekt bei der Gang, kann man mehrere seiner Kumpane auffordern einem zu folgen. Mit dieser tatkräftigen Unterstützung ist es wesentlich leichter, ein benachbartes Gebiet zu erobern.Die Erkundung von San Andreas offenbart ein weiteres Highlight dieses Spiels. Die unzähligen Aufgaben, die nichts mit dem eigentlichen Spielverlauf zu tun haben und die meist nur “einfach so” da sind, um sich die Zeit zu vertreiben. Ob man nun einen Krankenwagen stiehlt und damit verletzte Personen ins Krankenhaus befördert, ob man an Rennevents teilnimmt, um Preise einzusacken und sein fahrerisches Können zu verbessern, das Auffinden und Lösen dieser Aufgaben dauert fast so lange wie das eigentliche Spiel. Allein das Aufsprühen von einhundert Symbolen an diverse Häuser und Brücken dauert viele Stunden. Auch das Kaufen von Immobilien, die als Speicherpunkte dienen und teilweise auch monatlich Geld abwerfen kann sich lohnen, denn Geld benötigt man mehr als alles andere in San Andreas. Überfälle auf Drogenkuriere gehören ebenso zum Alltag wie das Verprügeln von harmlosen Passanten, um an ihr Geld zu kommen. Die verschiedenen Aufgaben sind so zahlreich, dass man sie oft nur durch Zufall findet.

Sound

Es fehlt nicht viel und man könnte die Sounduntermalung von Grand Theft Auto: San Andreas als Referenz betrachten. Eine jederzeit perfekte und glaubwürdige Synchronisierung und zehn Radiosender mit den verschiedensten Musikstilen vermitteln eine superbe Atmosphäre. Als Synchronsprecher für die zahlreichen Zwischensequenzen wurden unter anderem Filmstars wie James Woods, Peter Fonda und Samuel L. Jackson verpflichtet, die sich mächtig ins Zeug legen und ihren Figuren Leben einhauchen. Es war eine gute Entscheidung, die Sprachausgabe nicht ins Deutsche zu übersetzen, sondern alles im Original zu belassen und mit deutschen Untertiteln zu unterlegen. Den Ghetto-Slang kann man ohnehin nicht übersetzen, ohne dass es peinlich wirken würde. Wer keinen eigenen Soundtrack im Spiel benutzt, kann sich den Country-Sender zu Gemüte führen, Hip Hop Beats oder Call-In-Shows im Radio lauschen, die den Eindruck vermitteln, als würde man einem wirklichen Radioprogramm lauschen. Insgesamt ist die Auswahl an Musikstilen sehr ausgewogen und fast jeder Spieler wird seinen Lieblingssender finden. Etwas weniger gefallen manche der Waffensounds, die ein wenig schwach klingen.Blut und Gewalt Man sollte sich nichts vormachen. Grand Theft Auto: San Andreas ist eines der Spiele, die die Welt der Videospiele in Verruf gebracht haben. Es ist kein Wunder, dass dieses Spiel in einigen Ländern auf dem Index gelandet ist. Das Spiel ist in weiten Teilen extrem Brutal. Fast alles dreht sich um das Töten und Stehlen. Auch die Story ist nicht gerade geeignet, moralische Werte zu transportieren. CJ wird nicht von einem Gangster zum einem Engel, wenn das Spiel vorbei ist. Er ist ein mieser, kleiner Gangster, der von den Großen meistens herumgeschubst wird. Um sich Geltung und Geld zu verschaffen, tötet er einfach alles, was ihm vor die Flinte kommt. Er hat zwar eine große Klappe und beherrscht die gesamte Palette an unflätigen Ausdrücken, aber letztendlich zieht er immer den Kürzeren und muss tun, was ihm die Anderen auftragen. Ob die Polizei, die ihn für ihre eigenen Zwecke einspannt oder diverse Mafiagruppierungen, alle kommandieren ihn herum und er folgt. Wie ein Hündchen. Dieses Spiel gehört auf keinen Fall in Kinderhände. Im Grunde genommen gehört es auch nicht in die Hände von Jugendlichen, die daheim bei Mutti Gangster-Posen vor dem Spiegel üben und Gangster-Reime auswendig lernen, um sich als wahrer Rapper zu fühlen. Grand Theft Auto: San Andreas ist ein reines Erwachsenen-Spiel. Vollkommen unverständlich ist dabei, dass das Spiel bereits ab 16 Jahren freigegeben ist. Die kleinen Entschärfungen, die es in der deutschen Version gibt, sind kaum der Rede wert.

Fazit

Müsste man das Spiel in 99 Worten beschreiben, dann könnte man das folgendermaßen tun: Grand Theft Auto: San Andreas ist eines der Spiele, die man auf eine einsame Insel mitnehmen würde. 30 bis 50 Stunden Spielzeit, eine grandiose Handlungsfreiheit in einer riesigen Spielwelt, gepaart mit grandioser Musik und einer packenden Story machen es zu einem der besten Spiele aller Zeiten. Andere Vertreter dieses Genres, die sich augenblicklich in der Entwicklung befinden, werden sich immer daran messen lassen müssen. Grand Theft Auto: San Andreas kann nur von einem Spiel Konkurrenz bekommen: von seinem Nachfolger. Für alle, die alt genug sind und sich nicht an der brutalen Thematik stören, ist dieses Spiel ein absoluter Pflichtkauf.